This Is Art

by Eva

Chapter One

Opia – when their eyes turned white
Chapter One

Ein milder Sonnenschein fiel auf meine Haut, der eine willkommene Wärme darstellte. Vor allem nach den letzten Tagen, die hauptsächlich von Kälte und Frost in der Früh und eisigem Wind am Abend geprägt waren. Heute war uns das Wetter zum ersten Mal seit Wochen gut gesinnt. 

Erschöpft richtete ich den rechten Träger meines Rucksackes, um meine müden Schultern zu entlasten, selbst wenn ich wusste, dass die Schmerzen nicht wirklich von meinem Gepäckstück kamen. Dieses war schließlich seit geraumer Zeit eher leer als gefüllt… Mich würde es nicht wundern, wenn sich mittlerweile feine Spinnennetze darin gebildet hätten. Vielleicht könnte ich sogar mein eigenes Echo hören, wenn ich hinein rufen würde?

Ein belustigtes Schnauben entfloh mir bei dem Gedanken.

„Was ist los? Hast du was gesehen?“

Sofort schreckte ich hoch, als ich die Stimme meiner kleinen Schwester wahrnahm, die mir folgte. „Alles gut,Bee. Nur ein dummer Gedanke…“ Ich räusperte mich und strich mir die braunen Haare aus meinem Gesicht, die sich immer aufs Neue dagegen wehrten in dem kleinen Zopf auf meinem Haupt zu bleiben. Das alte Haargummi war ohnehin zu kaputt, um meine volle Haarpracht zu zähmen, dann könnten doch zumindest die paar Strähnen aufhören zu rebellieren. War das wirklich zu viel verlangt?

„Wie lange noch?“, ertönte es erneut hinter mir und ich konnte die Erschöpfung aus ihren Worten heraushören. Selbst wenn ich es gewohnt war, zog es mir jedes Mal die Brust zusammen. Fabienne meckerte stündlich über ihre schmerzenden Füße, ihren grummelnden Magen oder das Gefühl nicht sauber zu sein. Aber wer hatte heutzutage schon den Luxus, eines dieser Gefühle abzulegen? Wer täglich Essen oder Wasser zur Verfügung hatte, lebte quasi schon im Ritz Carlton der Welt. 

„Es wird in einigen Stunden dunkel und dann sollten wir uns nicht auf einer offenen Fläche befinden.“, meinte ich, während ich mich zu der Jüngeren umdrehte und auf das Feld um uns herum deutete. „Wir versuchen im Wald ein sicheres Versteck zu finden, dann kannst du dich ausruhen…“ 

Dass wir uns dann auch um Nahrung kümmern könnten, traute ich mich nicht zu erwähnen, denn falsche Hoffnungen waren das Letzte was wir momentan brauchten. Wenn wir Glück hatten, würden wir auf einen kleinen Bach stoßen, um zumindest die Flaschen in meinem Rucksack aufzufüllen. 

Das blonde Mädchen seufzte und trottete lustlos weiter. Man mochte bei dem Anblick kaum glauben, dass sie bereits fünfzehn Jahre alt war. Die Beschreibung Kleinkind hätte genauso gut zutreffen können. 

„Komm, nicht mehr lang.“, versuchte ich sie zu ermutigen und setzte mich auch wieder in Bewegung. „Zumindest war das Wetter heute gut. Ich bin mir sicher, die Nacht wird diesmal angenehmer.“

„Hoffentlich. Draußen schlafen ist scheiße…“

Sofort zuckten meine Augen zu ihr, doch ich biss mir auf die Zunge. Sie sollte nicht fluchen… doch das war wohl momentan unser kleinstes Problem. Mom und Dad hätten mir jetzt eine Predigt gehalten von wegen, ich sei ein Vorbild für sie, ich sollte ihr sowas nicht erlauben, oder gar, dass sie das von mir hätte.

Ein bitterer Geschmack machte sich in meinem Mund breit, wie jedes Mal, wenn ich an sie dachte. 

Ich versuchte mich an den schönen Erinnerungen festzuhalten. Urlaube, die Abende an denen wir Spiele gespielt oder Filme zusammen geschaut hatten, unsere Geburtstage, Weihnachten… Gott, was ich gerade für Weihnachtskekse geben würde…

Aber es war schwierig, sich all das zu merken, wenn man nur noch ihre milchig-weißen Augen sehen konnte. 

Gänsehaut überzog meine Arme und ein kalter Schauer lief mir den Rücken hinab, wenn ich an den Anblick zurück dachte. Die Menschen, die man sein Leben lang bei sich hatte, plötzlich als seelenlose Wesen. Als wäre nichts mehr da. Als wären sie tot…

Es war wie ein Virus der über die Stadt gekommen war. Niemand wusste so wirklich, woher er kam oder was passiert war. Doch von einem Tag auf den anderen begannen die Menschen sich zu verändern. Nachbarn schauten einem hinterher, als würden sie dich zum ersten Mal sehen. Trostlose, leere Blicke wurden ausgetauscht und die Unruhe war immer mehr gestiegen. Bis zu dem Tag, an dem ich mit meiner Mutter einkaufen war und die Frau vor uns ohne Vorwarnung wie angewurzelt in ihrer Bewegung eingefroren war und nach einigen Sekunden die Kassiererin attackiert hatte. Nicht genug damit… es war, als hätte sie nicht vor sie zu verletzten – sondern auseinander zu reißen. Mit Händen und Zähnen und Geräuschen, die einem durch Mark und Bein fuhren. Ihre Augen vollkommen weiß.

Sie war der erste Fall in unserer Umgebung gewesen, doch was auch immer es war, es hatte sich rasend schnell verbreitet. Als wäre die Apokalypse ausgebrochen. Der Tag, an dem meine Eltern ebenfalls zu diesen Wesen wurden, würde mir niemals wieder aus dem Kopf gehen… Wenn ich schätzen müsste, würde ich sagen, das alles sei vor mehreren Monaten gewesen. Vielleicht schon einem halben Jahr. Vielleicht länger… Aber wer behält die Tage schon im Auge.

Ich wüsste gerne, was danach passiert ist. Wo meine Freunde sind, die Leute, die wir kannten. Oder besser gesagt einst kannten… Waren sie noch am Leben? Konnten sie fliehen? Oder wanderten sie auch mit diesen leblosen Körpern herum und attackierten ihre Mitmenschen?

Wir hatten vor einigen Tagen eines dieser Wesen gesehen. Musste wohl schon länger die Farbe seiner Augen verloren haben, denn sein Körper bestand mehr aus Haut und Knochen als irgendwas anderem. Als würde er am lebendigen Leibe verrotten. Wobei lebendig hier wohl das falsche Wort war. 

Nicht, dass ich wüsste, wie schnell ein Körper beginnt zu verfallen – Biologie, oder in welchem Fach auch immer man sowas gelernt hätte, war nie meine Stärke. Aber wenn keine überlebenswichtigen Funktionen mehr da sind, sollte es wohl nicht allzu lange dauern. 

Handys hatten wir auch schon lange nicht mehr bei uns, doch anfangs, bevor mein Akku gestorben war, hatte ich noch die Möglichkeit gehabt zu recherchieren und wurde mir darüber im Klaren, dass in anderen Regionen bereits viel häufiger solche Fälle aufgetreten waren. Danach waren die Nachrichten abgebrochen, wie alles andere auch. Ich hätte nicht gedacht, sowas ernsthaft mal zu vermissen. Allein über eine Zeitung wäre ich schon froh. Aber wem will ich etwas vormachen? Nennt mir einen Menschen, der sich jetzt tatsächlich noch hinsetzten würde, um Artikel für die Außenwelt zu verfassen. 

Wenn ich es mir so recht überlegte, waren diejenigen, die genug Geld hatten, wahrscheinlich in sonst was für Bunkern untergebracht, um sich vor der Krankheit zu verstecken. Die anderen blieben wohl so gut es ging zuhause. Zumindest bis ihre Vorräte zu Ende gingen… Heutzutage kam man sich vor, wie in einer Geisterstadt, wenn man mal durch anliegende Orte kam. Wir hatten versucht so schnell wie möglich aus unserer Ortschaft rauszukommen. Wie es in den Großstädten ausschaute, wollte ich gar nicht erst wissen. 

Die ganze Situation war immer noch unglaublich surreal.

Aber um ganz ehrlich zu sein, wäre jemals eine Zombie-Apokalypse, wie man sie aus Filmen kennt, ausgebrochen – ich hätte nicht gedacht, dass sie so ausschaut.

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